UAP-Forschungsprofil

Alexander Wendt

Theoretiker internationaler Beziehungen und Mitautor von 'Sovereignty and the UFO'

  • TitelTheoretiker internationaler Beziehungen und Mitautor von 'Sovereignty and the UFO'

Überblick

Alexander Wendt ist Mershon Professor of International Security und Professor für Politikwissenschaft an der Ohio State University. Er zählt zu den einflussreichsten Vertretern der konstruktivistischen Theorie der internationalen Beziehungen. Seine Bedeutung für das UAP-Thema ergibt sich vor allem aus dem 2008 in Political Theory veröffentlichten, begutachteten Aufsatz "Sovereignty and the UFO", den er gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Raymond Duvall von der University of Minnesota verfasste. [S1][S2]

Der Aufsatz versucht nicht zu beweisen, dass UFOs außerirdische Fluggeräte sind. Er fragt vielmehr, weshalb moderne Staaten und wissenschaftliche Institutionen historisch Schwierigkeiten damit hatten, die Hypothese außerirdischer UFOs als legitimen Untersuchungsgegenstand zu behandeln.

Wendt und Duvall argumentieren, moderne Souveränität beruhe auf der unausgesprochenen Annahme, dass Menschen die höchsten politisch relevanten Subjekte seien. Eine bestätigte nicht-menschliche technologische Intelligenz würde diese anthropozentrische Ordnung infrage stellen. Nach Ansicht der Autoren trägt dies zu einem "UFO taboo" (UFO-Tabu) bei, innerhalb dessen die Frage häufig als bereits entschieden behandelt wird, obwohl die empirischen Belege keine Gewissheit rechtfertigen. [S2]

Das Argument gehört inzwischen zu den am häufigsten zitierten politiktheoretischen Auseinandersetzungen mit dem UFO-Thema. Seine Bedeutung für UAPRAD ist konzeptioneller Art: Es bietet einen Rahmen für die Analyse von Stigmatisierung, institutionellem Nichtwissen und politischer Autorität. Ebenso wichtig ist seine Grenze: Eine Theorie, die erklärt, weshalb Institutionen einer Hypothese möglicherweise Widerstand entgegensetzen, ist kein Beleg dafür, dass diese Hypothese physisch zutrifft.

Laufbahn in der Politikwissenschaft

Ohio State weist Wendt als Fachmann für internationale Beziehungen und politische Theorie aus. Er promovierte 1989 an der University of Minnesota und lehrte an Yale, Dartmouth und der University of Chicago, bevor er 2004 an die Ohio State University wechselte. [S1] Sein bekanntestes Werk ist Social Theory of International Politics (1999), ein grundlegender Text der konstruktivistischen Theorie internationaler Beziehungen. Der Konstruktivismus betont, dass politische Wirklichkeiten nicht nur durch materielle Fähigkeiten, sondern auch durch gemeinsame Bedeutungen, Identitäten, Normen und Erwartungen geprägt werden.

Nach Angaben von Ohio State erhielt Wendt für dieses Werk den Best Book of the Decade Award der International Studies Association. 2023 teilte er sich zudem mit Martha Finnemore den Johan Skytte Prize in Political Science für Beiträge zum Konstruktivismus. [S1] Dieser Hintergrund ist für "Sovereignty and the UFO" unmittelbar relevant. Wendts UAP-Arbeit ist kein Ausflug in die Luft- und Raumfahrttechnik. Sie untersucht, wie gesellschaftliche Strukturen bestimmen, welche Fragen politisch verständlich und behandelbar sind.

Konstruktivismus und UAP

Ein konstruktivistischer Ansatz behauptet nicht, die physische Wirklichkeit werde durch Überzeugungen hervorgebracht. Flugzeuge, Radarsignale und physische Objekte existieren unabhängig vom politischen Diskurs. Die konstruktivistische Frage lautet, wie Institutionen solche Erscheinungen einordnen und welche Handlungsmöglichkeiten diese Einordnungen Regierungen eröffnen. Ein unbekannter Radarkontakt kann beispielsweise beschrieben werden als:

  • Sicherheitsrisiko;
  • nachrichtendienstliche Bedrohung;
  • atmosphärisches Phänomen;
  • Sensorfehler;
  • UFO;
  • mögliche außerirdische Technologie.

Jede Kategorie aktiviert unterschiedliche institutionelle Akteure, Erwartungen und Beweislasten. Wendts theoretische Relevanz liegt darin, zu erklären, weshalb einige Kategorien institutionell schwierig werden können, noch bevor die zugrunde liegenden Belege vollständig bewertet worden sind.

"Sovereignty and the UFO"

Wendt und Duvall veröffentlichten "Sovereignty and the UFO" im Mai 2008 online und in der August-Ausgabe 2008 von Political Theory. [S2] Ausgangspunkt des Aufsatzes ist ein Rätsel. Die Autoren argumentieren, dass die Möglichkeit, einige UFOs könnten außerirdischer Herkunft sein, häufig so verworfen werde, als sei sie bereits widerlegt, obwohl ihrer Auffassung nach eine ungeklärte empirische Unsicherheit fortbesteht. Dieses Muster bezeichnen sie als "authoritative taboo".

Ihre Erklärung ist politischer und nicht psychologischer Natur. Moderne Souveränität setzt voraus, dass politische Autorität innerhalb einer menschlichen Welt organisiert ist. Eine tatsächlich technologisch überlegene nicht-menschliche Intelligenz würde diese Annahme destabilisieren, weil Staaten dann möglicherweise nicht mehr die höchsten relevanten souveränen Akteure wären. Die UFO-Frage schafft daher das, was die Autoren als Problem der Unentscheidbarkeit beschreiben.

Anthropozentrische Souveränität

Der zentrale Begriff des Aufsatzes ist der Anthropozentrismus. Moderne Politik behandelt Menschen als die maßgeblichen Subjekte und Objekte der Souveränität. Staaten beanspruchen Autorität über menschliche Bevölkerungen und Territorien. Selbst im Wettbewerb zwischen Staaten bleibt die Struktur der internationalen Beziehungen eine menschliche Ordnung.

Wendt und Duvall fragen, was mit dieser politischen Ontologie geschehen würde, wenn nicht-menschliche technologische Akteure in das System einträten. Ihr Argument lautet nicht lediglich, Regierungen würden überlegene Waffen fürchten. Vielmehr würde die Kategorie souveräner Autorität selbst unsicherer. Damit führt die UAP-Diskussion über Fragen der nationalen Sicherheit wie "is it Russian or Chinese?" (Ist es russisch oder chinesisch?) hinaus zu der abstrakteren Frage: "what kind of political order assumes only humans count?" (Welche politische Ordnung setzt voraus, dass nur Menschen zählen?)

Das UFO-Tabu

Dem Aufsatz zufolge erzeugte die offizielle und wissenschaftliche Behandlung von UFOs historisch ein Paradox. Institutionen betrachteten außerirdische UFOs häufig als nicht ernsthaft untersuchungswürdig, weil deren Existenz verneint wurde. Die Autoren argumentieren jedoch, das Fehlen systematischer Untersuchungen habe verhindert, dass diese Annahme vollständig evidenzbasiert wurde. Diese zirkuläre Struktur identifizieren sie als Tabu.

Die historische Aussage bedarf einer Einschränkung. Bis 2008 hatten die Vereinigten Staaten tatsächlich Programme wie Project Sign, Project Grudge und Project Blue Book durchgeführt; auch andere Länder hatten UFO-Meldungen gesammelt. Die stärkere Auslegung des Arguments von Wendt und Duvall lautet daher nicht wörtlich, dass kein Staat jemals UFOs untersucht hätte. Gemeint ist vielmehr, dass etablierte politische und wissenschaftliche Institutionen die Erforschung außerirdischer UFOs nicht als normales, offenes Untersuchungsfeld verstetigt hatten. Diese engere Aussage lässt sich besser vertreten.

Stigmatisierung als institutionelle Variable

Der Aufsatz nahm einen Begriff vorweg, der später in offiziellen UAP-Debatten hervorgehoben wurde: Stigmatisierung. Sowohl das vorläufige ODNI-Gutachten von 2021 als auch der UAP-Bericht der NASA von 2023 erkannten an, dass Stigmatisierung die Meldetätigkeit und Datenqualität beeinträchtigen kann. [S3][S4] Diese spätere institutionelle Anerkennung bestätigt nicht die gesamte Theorie von Wendt und Duvall. Sie zeigt jedoch, dass ein von ihnen hervorgehobener empirischer Mechanismus – die berufliche Zurückhaltung, sich mit dem Thema zu befassen – inzwischen von staatlichen und wissenschaftlichen Organisationen anerkannt wird.

Die entscheidende evidenzbezogene Unterscheidung lautet: Stigmatisierung kann fehlende Meldungen oder eine begrenzte Beteiligung an der Forschung erklären. Sie belegt nicht, dass die stigmatisierte Erklärung zutrifft.

Politische Folgen einer Offenlegung

Sollten jemals belastbare Belege für eine nicht-menschliche Intelligenz vorliegen, legt Wendts Rahmen nahe, dass die Folgen über die Wissenschaft hinausreichen würden. Es würden sich Fragen stellen zu:

  • Autorität;
  • Bedrohung;
  • Repräsentation;
  • internationaler Koordinierung;
  • Kontrolle von Informationen;
  • militärischer Reaktion;
  • Definition der politischen Gemeinschaft. Dies sind legitime Fragen für einen möglichen Fall. Sie bleiben von dessen tatsächlichem Eintreten abhängig.

Politische Theorie kann die Folgen eines hypothetischen Ereignisses analysieren, ohne einen Beleg dafür zu liefern, dass dieses Ereignis eingetreten ist. Dies ist mit strategischen Untersuchungen von Katastrophenszenarien geringer Wahrscheinlichkeit vergleichbar.

Wendts gegenwärtige UAP-Arbeit

Im aktuellen Fakultätsprofil von Ohio State heißt es, Wendt arbeite vor dem Hintergrund des Pentagon-/ODNI-Berichts von 2021 an einem Buch über UAP und menschliche Sicherheit. [S1] Dies weist darauf hin, dass "Sovereignty and the UFO" kein einmaliges historisches Interesse darstellte. Seine gegenwärtige Arbeit scheint das Thema von der Souveränität auf Folgen für die menschliche Sicherheit auszuweiten. Zum Redaktionsstichtag wird das Buch als laufendes Projekt beschrieben. Das Universitätsprofil belegt das angekündigte Vorhaben, erlaubt jedoch keine Zuschreibung weiterer Argumente oder Schlussfolgerungen an das unveröffentlichte Buch.

Grenzen des Rahmens von 2008

Die theoretische Eleganz des Aufsatzes kann zu einer übermäßigen Anwendung verleiten. Ein Risiko besteht in mangelnder Falsifizierbarkeit. Wird offizielle Skepsis als Beleg für ein Tabu interpretiert, kann jeder Widerspruch die Theorie stärken, unabhängig von dessen Gründen. Eine belastbare Anwendung benötigt deshalb unabhängige Belege dafür, dass institutionelle Akteure Untersuchungen aus sozialen oder politischen Gründen unterdrückten und nicht wegen schwacher Belege.

Eine zweite Grenze ergibt sich aus dem historischen Wandel. Seit 2008 ist UAP Gegenstand von Anhörungen des Kongresses, Gesetzgebung, AARO, einer Überprüfung durch die NASA und formeller Regierungsberichte geworden. Das Tabu ist nicht verschwunden, doch das institutionelle Umfeld unterscheidet sich wesentlich. Jede heutige Anwendung des Aufsatzes sollte daher seine Diagnose von 2008 von den Entwicklungen nach 2017 unterscheiden.

Evidenzanalyse

Wendts Beitrag zum UAP-Thema ist ein begutachtetes politiktheoretisches Argument und kein naturwissenschaftliches Ergebnis. Seine stärkste Evidenzgrundlage betrifft institutionelles Verhalten:

  • Stigmatisierung;
  • die Marginalität des Themas;
  • Annahmen, die politischer Autorität zugrunde liegen;
  • die Schwierigkeit, eine offene Untersuchung dauerhaft aufrechtzuerhalten. Am schwächsten ist die Verwendung, wenn die Theorie in einen Beweis umgekehrt wird. Aus der Aussage "institutions may resist an extraterrestrial-UFO hypothesis" (Institutionen könnten einer Hypothese außerirdischer UFOs Widerstand entgegensetzen) folgt nicht: "therefore extraterrestrial UFOs exist." (Daher existieren außerirdische UFOs.)

Die Bedeutung des Aufsatzes liegt darin, die institutionelle Zurückweisung selbst zum Gegenstand der Analyse zu machen, statt sie als neutral hinzunehmen. Das bleibt auch in einer Zeit wachsenden offiziellen Engagements relevant.

Was gesichert ist

  • Wendt ist ein sehr einflussreicher Theoretiker der internationalen Beziehungen an der Ohio State University. [S1]
  • Er und Raymond Duvall veröffentlichten "Sovereignty and the UFO" 2008 in der begutachteten Zeitschrift Political Theory. [S2]
  • Der Aufsatz analysiert die Marginalisierung des UFO-Themas anhand von Anthropozentrismus, Souveränität und Erkenntnistheorie. [S2]
  • Er beansprucht nicht, unmittelbare physische Belege für außerirdische UFOs vorzulegen.
  • Spätere offizielle UAP-Programme erkannten Stigmatisierung als Problem der Datenqualität an, wodurch ein Teil des institutionellen Anliegens des Aufsatzes empirisch relevant wurde.
  • Wendts aktuelles Universitätsprofil nennt ein von ihm geplantes Buch über UAP und menschliche Sicherheit. [S1]

Was nicht gesichert ist

  • Institutionelle Stigmatisierung belegt nicht, dass die stigmatisierte Hypothese zutrifft.
  • Der Aufsatz bestimmt nicht die physische Natur eines UFO-/UAP-Falls.

Gesamtbewertung

Alexander Wendt gehört in den UAPRAD-Humans-Index, weil "Sovereignty and the UFO" einer der seltenen ernsthaften Versuche der politischen Theorie bleibt, die instabile Stellung der UFO-Frage zwischen öffentlicher Faszination und institutioneller Legitimität zu erklären. Der bleibende Wert des Aufsatzes liegt nicht in der Andeutung, einige UFOs könnten außerirdisch sein. Er besteht vielmehr in der Forderung, institutionelles Nichtwissen zu erklären. Warum gelten manche unsicheren Fragen als legitime Forschungsprogramme, während es bei anderen bereits berufliche Nachteile mit sich bringen kann, sie überhaupt zu stellen?

Dies ist eine echte Frage der Wissenschaftssoziologie und -politik. Der Aufsatz darf dennoch nicht als Abkürzung um die Belege herum dienen. Eine politische Erklärung von Stigmatisierung kann keinen physischen Ursprung bestimmen. Sollten moderne kalibrierte Beobachtungen künftig außergewöhnliche Technologie nachweisen, könnte Wendts Rahmen helfen, die politischen Folgen zu erklären.

Sollten verbesserte Daten UAP hingegen überwiegend als konventionelle Phänomene identifizieren, könnte der Rahmen weiterhin erhellen, wie Institutionen mit Tabus und Unsicherheit umgehen. Wendts Arbeit fügt eine analytische Ebene hinzu: Beim UAP-Problem geht es nicht nur darum, was sich am Himmel befindet, sondern auch darum, wie Staaten entscheiden, was gewusst, diskutiert und politisch geregelt werden kann.

Vertrauensniveau nach Aussage

AussageVertrauenGrundlage
Wendt ist ein führender Theoretiker der internationalen BeziehungenHochUnterlagen der Ohio State University
Er war Mitautor eines begutachteten politiktheoretischen UFO-AufsatzesHochVeröffentlichung bei SAGE
Der Hauptbeitrag des Aufsatzes betrifft Souveränität und institutionelle TabuisierungHochVeröffentlichter Aufsatz
Der Aufsatz beweist die Existenz außerirdischer UFOsNiedrigEr enthält keine physischen Belege
Stigmatisierung wurde später in offiziellen UAP-Studien anerkanntHochUnterlagen von NASA und ODNI
Wendt arbeitet weiterhin zu UAP-bezogener politischer TheorieHochAktuelle Biografie der Ohio State University
Die historische Diagnose von 2008 gilt nach 2017 unverändert fortNiedrig–MittelDas institutionelle Umfeld hat sich wesentlich verändert
Quellen

[S1] Institutionelle Primärquelle — The Ohio State University, Department of Political Science. Fakultätsprofil von Alexander Wendt. https://polisci.osu.edu/people/wendt.23

[S2] Begutachtete wissenschaftliche Arbeit — Alexander Wendt und Raymond Duvall. "Sovereignty and the UFO," Political Theory 36(4), 607–633 (2008). https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0090591708317902

[S3] Institutionelle Primärquelle — NASA. UAP Independent Study Report von 2023 und Erörterung der Stigmatisierung. https://science.nasa.gov/uap/

[S4] Primärquelle — Office of the Director of National Intelligence. Preliminary Assessment: Unidentified Aerial Phenomena, 2021. https://www.dni.gov/index.php/newsroom/reports-publications/reports-publications-2021/3550-preliminary-assessment-unidentified-aerial-phenomena